Die moderne menschliche Kultur basiert auf unserer Schriftsprache. Kein Wunder also, dass Typografie – das Gestalten und Abbilden von Schrift – unseren Alltag prägt. Fast omnipräsent begegnen uns unterschiedliche Schrifttypen in jeglicher Situation: beim Zeitunglesen, auf Plakaten, beim Fernsehen, in Geschäften und Fußgängerzonen; selbst Straßennamen haben in jeder Stadt ein anderes Erscheinungsbild. Gute Typografie ist weit mehr als nur Schmuck. Sie strukturiert und ordnet Informationen und hilft somit bei der Orientierung. Sie verbessert die Lesbarkeit und beschleunigt die Aufnahme der Inhalte. Und sie übersetzt inhaltliche Emotionen in ein visuelles Erlebnis, was die Bezeichnung „Schriftbild“ schon andeutet.
Professionelle Designer oder auch Amateure, die sich gestalterisch berufen fühlen, können heute aus zigtausend Schriften die passende auswählen. Und jedes Jahr kommen ein paar Hundert neue hinzu. Jede Marke und jedes Unternehmen nutzt Typografie, um ein einheitliches Auftreten nach außen und Wiedererkennbarkeit zu gewährleisten und sich zumindest hierdurch vom Wettbewerb abzuheben. Wer es sich leisten kann, nutzt individuell entwickelte Hausschriften, um sein Corporate Design mit einer einzigartigen Note auszustatten.
Über Umwege zur Individualität
Das nun schon über 30-Jährige Internet verweigerte sich bis vor kurzem vehement diesem Bestreben nach Individualität. Texte im World Wide Web bzw. als Anzeige in Browser-Applikationen wie Netscape, Internet Explorer & Co. konnten nur mit Hilfe vorinstallierter Systemschriften wie Arial, Times oder Verdana dargestellt werden. Zudem wurden die Schriften auf verschiedenen Geräten und Browsern auch noch unterschiedlich wiedergegeben. Eine Darstellung der Webseite mit der unternehmenseigenen Hausschrift war lange Zeit einfach nicht möglich.
Um trotzdem ihrem ästhetischen Anspruch gerecht zu werden, versuchten sich Unternehmen an der Notlösung, Überschriften mit Hilfe von Bildern darzustellen. Da Abbildungen aber nicht automatisch lesbar sind und in der HTML-Syntax eine untergeordnete Rolle spielen, waren Suchmaschinen nicht mehr in der Lage, die Überschriften zu erkennen und als Suchergebnis darzustellen. Eine weitere Zwischenlösung etablierte sich für einige Jahre mit dem Aufkommen von Adobe Flash als Alternative zu spartanischen HTML-Websites. Durch die Erweiterung der Interaktionsformen sowie der multimedialen Möglichkeiten des bisherigen Internets konnten sich Gestalter nun wieder nach Belieben mit Animationen, Grafiken und eben auch beliebigen Schriften austoben. Aber Adobe verpasste die Zeichen der Zeit und die gestalterische Weiterentwicklung der HTML-Standards. Steve Jobs höchstpersönlich leitete 2007 den Untergang der Software ein, indem er Flash nicht als Basistechnologie auf dem iPhone zuließ.
Wegbereiter für Webfonts
Interessanterweise war es bereits 1997 möglich, Webfonts über HTML in Webseiten einzubinden. Dafür wurde die „@font-face-Regel“ für die Browser Netscape 4 und Internet Explorer 4 entwickelt. Die Schriften wurden dabei im „Cascading Style Sheet (CSS)“ Version 2.0 definiert und verlinkt. Öffnete man nun die Webseite, wurde die Schriftart anstatt aus der lokalen Schriftensammlung temporär von einem Webserver in den Browser geladen. Allerdings waren Bildschirme zum damaligen Zeitpunkt nicht in der Lage, Webfonts einwandfrei darzustellen, und das Ergebnis wirkte unprofessionell. Die Technologie war ihrer Zeit voraus.
Erst als Apple-Entwickler 2007 mit der Rendering-Engine „Webkit“ für den neuen Mac OS X-Browser Safari 3.1. die Vorzüge der OpenType-Schrifttechnologie aus dem Printbereich mit der „@font-face-Regel“ verbanden, wurde der Weg für Webfonts endgültig geebnet.
Doch mit dem Wiederaufleben der „@font-face-Regel“ entstanden auch regulatorische Ungereimtheiten. Da die Schriften lediglich im Quellcode der Webseite verlinkt waren, konnten sie durch Raubkopierer problemlos heruntergeladen werden. Den Anbietern der Schriften war das natürlich ein Dorn im Auge, was sie dazu veranlasste, nun als „Lieferdienst“ das Font-Embedding selbst vorzunehmen. Zeitgleich wurde WOFF (Web Open Font Format) als neuer typografischer Standard eingeführt. WOFF ist eine Erweiterung des weitverbreiteten OpenType-Formats, mit dem Unterschied, dass nun auch Meta-Daten mit Lizenzbestimmungen hinterlegt werden können.
Das Zeitalter der Systemschriften ist vorbei
Mittlerweile unterstützen alle gängigen Browser und mobilen Geräte Webfonts. Einbinden lassen sie sich unter anderem auch über Javascript und API (Application Programming Interface). Beim Erwerb einer Schrift bekommt man diese üblicherweise in verschiedenen Dateiformaten wie z.B. EOT (Embedded OpenType/Microsoft), welches für die Darstellung auf älteren Versionen des Internet Explorers benötigt wird, und im WOFF-Format für neuere Browser. Außerdem sind oft zusätzliche Formate wie SVG (Scalable Vector Graphic), TTF (TrueType Font) und OTF (OpenType Font) in den Schriftpaketen enthalten.
Die Qualität der Webfonts hängt jedoch nicht nur vom Dateiformat ab, sondern wird maßgeblich durch das „hinting“ der Schrift bestimmt. Das “hinting“ (hint = Hinweis) beschreibt die optimale Anpassung der Schriftdarstellung an das Pixelraster der Bildschirme. Damit eine Schrift „scharf“ wirkt, müssen die Buchstabenkanten durch Farbabstufungen geglättet werden (sog. Antialiasing). Das kann je nach Auflösung des Ausgabegerätes sehr unterschiedlich ausfallen und muss entsprechend definiert werden, um den individuellen Charakter der Schrift bei jeder Punktgröße zu erhalten.
Tipps für den Einsatz von Webfonts
Wenn man sich dazu entschließt, eine Webschrift einzusetzen, sind gewisse Dinge zu berücksichtigen: zum einen steht nicht jede Schrift, die für den Druck erhältlich ist, auch als Webfont zur Verfügung. Zum anderen gibt es erhebliche Unterschiede in den Lizenzmodellen der Anbieter. Leider gibt es diesbezüglich noch keine einheitliche Lösung, da sich der Markt in einer Experimentierphase befindet.
Mit Google Fonts gibt es einen Webdienst, der eine Vielzahl an Webfonts zur kostenfreien Verwendung anbietet. Hier können Schriften kostenlos, ohne das Anlegen eines Nutzerkontos, heruntergeladen und direkt in die Webseite eingebunden werden.
Am weitesten verbreitet jedoch ist das Mietmodell. Häufig berechnet sich der jährlich zu zahlende Betrag auf Basis von geschätzten Seitenabrufen oder der Unternehmensgröße (nach Mitarbeiteranzahl). Daneben gibt es vereinzelt auch die Möglichkeit, Webschriften für eine einmalige Zahlung unbegrenzt nutzen zu können. Beim Erwerb einer Webfont-Lizenz ist die entsprechende Druckschrift-Lizenz meist nicht im Kauf enthalten. Über ein Nutzerkonto beim entsprechenden Anbieter werden die Schriften verwaltet und die Transaktionen abgewickelt. Üblicherweise werden Banküberweisung, Kreditkartenzahlung sowie das Bezahlen über Online-Bezahldienste wie PayPal angeboten.
Zu den bekanntesten kommerziellen Anbietern gehören Monotype, Adobe Typekit und MyFonts. Vor dem Kauf einer Webfont sollte man die Schrift auf verschiedenen Browsern und Betriebssystemen testen und vergleichen. Beim Anbieter MyFonts hat der Käufer nach Erwerb der Lizenz sogar die Möglichkeit, seine Webschrift nach individuellen Wünschen anzupassen und zu verändern. Mit Schriftgestaltungsprogrammen wie Fontforge, FontXChange, iFontmaker, Glyphs und vielen anderen lassen sich auch unternehmenseigene Hausschriften in Webfonts umwandeln und für die Webseite nutzen.
Fazit
Webfonts bieten also für Unternehmen eine gute Möglichkeit, ihr Corporate Design auf ihre Kommunikationskanäle im World Wide Web zu übertragen. Aber nach wie vor braucht es auch das richtige Händchen und ein Gespür für gute Typografie, damit die eingesetzten Schriften ihre Wirkung entfalten können. Typografische Grundregeln, die man z.B. im Standardwerk Lesetypografie von Hans Peter Willberg und Friedrich Forssman nachlesen kann, behalten natürlich auch im Web ihre Gültigkeit. Aber gerade in Verbindung mit der Entwicklung neuer Sehgewohnheiten durch Smartphones und Tablets und den daraus resultierenden Anforderungen an responsive Seitengestaltung und flexible Inhaltsanpassung steigt die Komplexität beim Einsatz typografischer Gestaltung.
Neue Formate wie z.B. multimediale Online-Magazine und interaktive Erlebniswelten erzeugen zusätzliche Herausforderungen, da hier die Grenzen zwischen statischer Inszenierung und dynamischer Animation aufgelöst werden. Gelungene Umsetzungen belohnen jedoch mit einem herausragenden Nutzungserlebnis, das zum Verweilen einlädt und garantiert so manche Empfehlung und Verlinkung nach sich zieht.
Titelbild: Michael Bundscherer
Lizenz: CC BY-SA 2.0