Ken Follett, Nicholas Sparks, Stephen King. Jeder hat schon mal von diesen Schriftstellern gehört. Aber Kai-Eric Fitzner? Den Autoren aus Oldenburg kannte noch vor kurzer Zeit niemand, und dennoch wird sein Roman „Willkommen im Meer“ für einige Wochen zum Bestseller. Möglich machen es Social Media und viel Mitgefühl.

Am 19. Mai erscheint auf Fitzners Facebook-Seite ein Post, der seine Freunde und Bekannten erschüttert. In wenigen Worten berichtet Fitzners Frau Raja Caetano von einer schweren Erkrankung ihres Mannes. Er liege im Koma, und ganz abgesehen von den Ängsten um seine Gesundheit stelle das die Familie vor große finanzielle Probleme. Um Spenden bittet Caetano nicht. Aber sie ruft dazu auf, das Buch „Willkommen im Meer“ zu kaufen. Bereits vor neun Jahren hatte Fitzner den Roman geschrieben und über Amazons Selfpublishing Plattform verlegt. Mit mäßigem Erfolg. Am 19. Mai dümpelt „Willkommen im Meer“ weitgehend unbeachtet auf Platz 60.755 der Amazon-Bestsellerliste. Nur einen Tag später steht das Buch auf Platz 1.

Ein Lovestorm fegt durchs Internet

Kai-Eric Fitzners Facebook-Kontakte kaufen das Buch, vor allem aber lösen sie einen Lovestorm in den Sozialen Netzwerken aus. Allein auf Facebook wird der Beitrag mehr als 21.000 Mal geteilt. Auf Twitter erzählen Nutzer die Geschichte mit dem Hashtag #einbuchfuerkai weiter, posten auf Instagram Fotos von dem gekauften Buch und stellen in Blogs Rezensionen online. Geschaffen hat das Schlagwort #einbuchfuerkai Johannes Korten. Der Online-Experte nutzt seine gute Vernetzung, um Raja Caetanos Aufruf weiter zu verbreiten. Am 19. Mai postet Korten den Hashtag zum ersten Mal, am 20. Mai ist #einbuchfuerkai bereits in den „Trending Topics“ bei Twitter gelistet.

Spätestens jetzt fegt eine Welle der Anteilnahme durch die sonst eher für Shitstorms bekannten Social Media. Für die Familie hagelt es Zuspruch, Buchverkäufe und Spenden. Bis Ende Juni kommen auf einem von Johannes Korten kurz entschlossen eingerichteten Hilfskonto über 13.000 Euro zusammen. Mit Beträgen zwischen 5 und 1.000 Euro unterstützen größtenteils wildfremde Menschen den erkrankten Autor und seine Familie, ein Künstler verkauft seine Werke für den guten Zweck und der FC St. Pauli spendet einen signierten Ball. Johannes Korten berichtet auf seinem Blog über die Aktionen, Raja Caetano hält die Netzgemeinde auf Facebook über den Gesundheitszustand ihres Mannes auf dem Laufenden. Aber auch große Medien greifen die Geschichte auf und berichten auf ihren Websites, im Radio, Fernsehen und Print.

Amazon verzichtet auf Provision

Schnell lässt sich auch ein sonst nicht gerade als sozial bekannter Konzern von der großen Hilfsbereitschaft anstecken. Amazon entscheidet sich am 21. Mai dazu, auf seine Provision bei den Verkäufen von „Willkommen im Meer“ zu verzichten. Damit erhält die Familie für jedes im Mai verkaufte Exemplar 7,68 Euro statt 2,82 Euro.

Social Media weckt Aufmerksamkeit

Bereits 2013 hat es ein Lovestorm geschafft, die Aufmerksamkeit eines Großkonzerns auf sich zu ziehen. Als seine Frau Linda an Brustkrebs erkrankt, beginnt der Amerikaner Bob Carey eine ungewöhnliche Fotoaktion. Nur mit einem rosa Tutu bekleidet, posiert er weltweit vor Sehenswürdigkeiten und lässt sich dabei ablichten. Ursprünglich möchte er damit nur seine Frau aufheitern, ihr etwas zu Lachen geben. 2012 entdeckt die Netzgemeinde das Tutu-Projekt.

Die Fotos des untersetzten Mannes im rosa Röckchen werden so oft geteilt, dass Bob und Linda Carey eine Stiftung zur Unterstützung anderer an Brustkrebs Erkrankter gründen und Bob Carey 2013 zum Hauptdarsteller in einem Werbespot der Deutschen Telekom wird. So wird auch die breite Öffentlichkeit außerhalb der Sozialen Netzwerke auf das Tutu-Projekt aufmerksam. Das erste Buch mit Fotos von Bob Carey ist inzwischen ausverkauft, ein zweites soll diesen Oktober erscheinen.

Verlag gefunden

Für den inzwischen aus dem Koma erwachten Autoren Kai-Eric Fitzner wird dank der hilfsbereiten Menschen, die hinter den anonymen Twitter- und Facebook-Profilen stehen, der Traum des verlegten Buches wahr. „Willkommen im Meer“ gibt es vom 24. August an bei jedem Buchhändler zu kaufen. Dank des unermüdlichen Einsatzes vieler Einzelner, die ohne ihre Newsfeeds vermutlich nie von dem Roman gehört hätten, wurde mit Doemer Knaur ein Verlag gefunden, der „Willkommen im Meer“ als E-Book und Taschenbuch heraus bringt.

#einbuchfuerkai und das „Tutu-Projekt“ zeigen, welche Kraft Social Media hat, wenn ein Beitrag viral verbreitet wird und die richtigen Menschen erreicht. Unternehmen können aus diesen Geschichten lernen, dass neben schönen Fotos und Gewinnspielen durchaus auch harte Themen in Sozialen Netzwerken platziert werden können. Vorausgesetzt, die Inhalte sind relevant und die Firmen sind gut vernetzt, kann über Facebook und Twitter schnell eine große Zielgruppe erreicht werden.

Ansprechpartner

Marco Fischer

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