Marco, die firma begleitet Unternehmen seit Jahren bei der digitalen Transformation. Hat die Mehrzahl der Unternehmen diese Transformation inzwischen erfolgreich bewältigt?

Anders als man es vermuten würde, beschäftigen sich die Unternehmen nicht etwa schon mit neuen Themen wie der Blockchain-Technologie und künstlicher Intelligenz. Und beides wird abermals tief eingreifen etwa in Arbeitsprozesse. Ich stelle eher fest, dass viele Unternehmen sich weiterhin ungemein schwer tun mit den Basics der Transformation. Sie denken: Jetzt haben wir in neue Softwarelösungen investiert und damit den Soll-Zustand erfüllt. Wir sind gerüstet. Das ist aber ganz und gar nicht der Fall. Softwarelösungen sind ein Aspekt. Doch die digitale Transformation umfasst viel mehr. Das haben viele immer noch nicht verstanden, insbesondere im B2B-Bereich. Grundsatzarbeit ist gefragt.

Welche Aspekte sind für eine gelungene digitale Transformation außerdem essentiell?

Kommunikation. Vernetztes Zusammenarbeiten. Das sind zwei elementare Ingredienzien. Die Kommunikation ist eine Schlüsselfunktion: Über Gespräche tauschen wir uns aus, und Austausch führt zu neuen Gedanken und neuen Sichtweisen. Und die sind ganz wesentlich, will ein Unternehmen innovativ agieren. Doch genau an diesen Stellen hakt es bei vielen Unternehmen weiterhin.

Weshalb?

In vielen Unternehmen herrschen weiterhin klassische Arbeitsstrukturen vor. Die Unternehmen sind in Abteilungen strukturiert, und diese Abteilungen arbeiten relativ unabhängig voneinander. Ab und an gibt es abteilungsübergreifende Meetings. Aber es gibt kein Miteinander, keinen abteilungsübergreifenden Austausch. Stattdessen: Hierarchien, Skepsis gegenüber neuen Arbeitsmodellen und Festhalten an starren Strukturen. Doch so kann nichts Neues entstehen.

Start-ups sind bekannt für ihre Agilität. Sie produzieren schnell kundenfreundliche Produkte. Ihr seid der Ansicht, von Start-ups sollten etablierte Unternehmen lernen. Was genau gilt es zu lernen?

Der wesentliche Punkt: Start-ups sind agiler, weil sie anders an Themen herantreten. Und das beginnt bei der Kommunikation: Die Beschäftigten treten in Dialog miteinander. Und das abteilungsübergreifend. Bei Start-ups ist Wissen gefragt, Knowhow. Es ist nicht entscheidend, wer welchen Titel trägt und wer Entscheider ist. Es geht darum, etwas zu bewegen, und das gelingt mithilfe von Strukturen, in denen jeder eingeladen ist, sein Wissen einzubringen und über diese Interdisziplinarität, über diesen interdisziplinären Austausch, Neues entstehen zu lassen. Sowohl die Strukturen sind also anders, als auch die Denkweise. Und von dieser Denk- und Vorgehensweise können etablierte Unternehmen lernen. Sie sollten, wollen sie am Markt auch in Zukunft bestehen.

Reicht das aus, um innovative und vor allem ökonomisch relevante Produkte zu entwickeln: neue Strukturen, neue Denkweisen?

Unterschiedliche Sichtweisen führen zu unterschiedlichen Perspektiven und so zu neuen Ansätzen. Im Ergebnis führt das gemeinsame Reflektieren über Problemstellungen zu neue Lösungen. Konservative Unternehmen benötigen einfach zu viel Zeit, um neue Ideen zu produzieren und diese schnell auf Markttauglichkeit zu überprüfen. Doch das ist entscheidend im Wettbewerb. Sie müssen also schneller werden, agiler. Und das bedeutet, alte Strukturen müssen aufgebrochen und verändert werden. Hinzu kommt: Immer noch gehen traditionelle Unternehmen tradierte Wege, geht es um Innovationsentwicklung. Die Bedürfnisse und Wünsche der Kunden werden nicht stark genug berücksichtigt. Doch die sind ungemein wichtig. Es gilt, die Kundenbrille aufzusetzen. Der Konsument von heute ist nicht länger der Konsument von einst. Wer etwa hätte vor 10 Jahren gedacht, dass ein Start-up namens Airbnb damit Geld verdient, dass es weltweit Wohnungen für Reisende auf einer Community-Plattform anbietet, ohne überhaupt nur eine Immobilie zu besitzen. Diese weitsichtige und clevere Idee hat einen weiteren Industrie-Zweig in Bedrängnis gebracht. Da hat jemand die Konsumenten von heute verstanden. Ein gutes Beispiel ist auch Nokia – noch 2006 hatte das finnische Unternehmen einen Marktanteil von 50 Prozent am Mobiltelefonmarkt. Und heute? Nokia hat den Smartphone-Boom verschlafen. Die Folge: Erst schwächelte der Absatz, dann brach er ein. Ende. Deshalb: Innovationen müssen Kundenbedürfnisse befriedigen, aus dieser Perspektive heraus sind Innovationen zu entwickeln. Das ist entscheidend. Und dafür braucht es eine neue Denke und Mut.

Um also neue Produkte, Services oder Dienstleistungen entwickeln zu können, müssen sich Unternehmen von alten Strukturen und Kommunikationsformen verabschieden. Doch wie?

Über Pilotprojekte. Diese Pilotprojekte verändern sukzessive das Unternehmen. In diesen digitalen Brutstätten, auch Corporate Incubators genannt, arbeiten im ersten Schritt kleine Units interdisziplinär an dezidierten Projekten. In der Folge wandelt sich das Unternehmen peu à peu. So kann die digitale Transformation gelingen. Das lehrt uns die Erfahrung.

die firma hat sich entschlossen, gemeinsam mit dem bvik einen Workshop zum Thema anzubieten. Was erwartet die Teilnehmer?

Ganz konkret: Wie fühlt sich das an, in einem Start-up zu arbeiten? Wie läuft die Zusammenarbeit ganz praktisch ab? Die Denkweise wird in unverfänglichem Rahmen spielerisch und mithilfe fiktiver Problemstellungen vermittelt und erfahren. Teil des Seminars ist deshalb auch die Jobs to be done-Methode: damit lernen die Teilnehmenden die Denkstrukturen ihrer Kunden kennen. Auch das Business Model Canvas thematisieren wir – es hilft dabei, sich einen Überblick über die wichtigsten Schlüsselfaktoren eines Geschäftsmodells zu verschaffen. Und zuletzt: Design Sprints: Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer lernen, wie man ganz schnell Ergebnisse erzielt. Was die Teilnehmenden mitnehmen, ist ein echtes Verstehen, wie solch eine Arbeitsweise aussieht. Viele Impulse also. Und die brauchen konservativ aufgestellte Unternehmen. Denn klar ist: Der Innovationsdruck steigt. Und davor, abgehängt zu werden, ist kein Bereich gefeit.

Details zum Workshop

Marco Fischer ist Senior Strategy + Brand Consultant von die firma . experience design. Das Interview führte Nathalie Heinke.

 

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